Fehldiagnosen bei ADHS

Autismus oder ADHS? Unterschiede und Überschneidungen

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Wer sich mit ADHS oder Autismus beschäftigt, stößt schnell auf eine große Zahl von Gemeinsamkeiten. Schwierigkeiten, Gesprächen zu folgen, Reizüberflutung, Probleme in sozialen Situationen, intensive Interessen, Erschöpfung nach einem langen Arbeitstag, Schwierigkeiten mit Veränderungen oder das Gefühl, im Alltag ständig mehr leisten zu müssen als andere – all das kann in Beschreibungen von ADHS ebenso auftauchen wie in Berichten autistischer Menschen.

Entsprechend häufig stellt sich irgendwann die Frage: Ist es Autismus oder ADHS?

So verständlich diese Frage ist, so selten lässt sie sich anhand einzelner Merkmale beantworten. Denn entscheidend ist nicht allein, welches Verhalten ein Mensch zeigt, für eine diagnostische Einordnung ist ebenso wichtig, warum dieses Verhalten entsteht, seit wann es besteht, in welchen Situationen es auftritt und welche Funktion es möglicherweise erfüllt.

Hinzu kommt, dass Autismus und ADHS einander nicht ausschließen. Ein Mensch kann autistisch sein, ADHS haben oder beides.

Warum Autismus und ADHS ähnlich aussehen können

ADHS und Autismus gehören zu den neuronalen Entwicklungsstörungen. Ihre Merkmale beginnen also nicht erst im Erwachsenenalter, auch wenn sie manchmal viele Jahre nicht erkannt werden. Gleichzeitig können sich beide sehr unterschiedlich zeigen.

Eine Person mit ADHS kann in einem Gespräch beispielsweise unaufmerksam wirken, Blickkontakt verlieren, dazwischenreden oder einen Themenwechsel nicht bemerken. Ein autistischer Mensch kann ebenfalls Schwierigkeiten im Gespräch haben. Von außen betrachtet kann das zunächst ähnlich aussehen.

Bei ADHS stehen vor allem Probleme mit der Steuerung von Aufmerksamkeit, Impulsivität und – je nach Ausprägung – Hyperaktivität im Vordergrund. Schwierigkeiten mit Organisation, Zeitmanagement, Arbeitsgedächtnis und Handlungsplanung können hinzukommen. In euren Fachmaterialien werden Exekutivfunktionen unter anderem als Fähigkeiten zur Aufmerksamkeitssteuerung, Inhibition, Planung, Organisation komplexer Handlungen und zum Monitoring beschrieben.

Bei Autismus stehen dagegen anhaltende Besonderheiten der sozialen Kommunikation und sozialen Interaktion sowie eingeschränkte oder repetitive Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten im Zentrum. Dazu können beispielsweise ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Gleichförmigkeit, intensive Interessen oder Besonderheiten in der Verarbeitung sensorischer Reize gehören.

Diese diagnostische Unterscheidung klingt auf dem Papier zunächst eindeutig. Im wirklichen Leben ist sie häufig wesentlich schwieriger.

Ähnliches Verhalten kann unterschiedliche Gründe haben

Ein gutes Beispiel ist das Zuhören.

Jemand mit ADHS verliert während eines Gesprächs möglicherweise den Faden, weil die Aufmerksamkeit abschweift, ein anderer Reiz interessanter wird oder ein eigener Gedanke sofort ausgesprochen werden muss. Eine autistische Person kann an derselben Stelle Schwierigkeiten bekommen, weil unausgesprochene soziale Signale schwerer einzuordnen sind, der Gesprächsverlauf wenig vorhersehbar ist oder mehrere Ebenen der Kommunikation gleichzeitig verarbeitet werden müssen.

Das Ergebnis kann von außen ähnlich wirken, das Gespräch läuft nicht so, wie das Gegenüber es erwartet. Diagnostisch ist es dennoch nicht dasselbe.

Ähnliches gilt für soziale Schwierigkeiten. Auch Menschen mit ADHS können soziale Signale übersehen, impulsiv reagieren oder Schwierigkeiten haben, Beziehungen stabil zu gestalten. Die deutsche S3-Leitlinie weist ausdrücklich darauf hin, dass Schwierigkeiten in sozialen Kompetenzen und beim Erkennen und Interpretieren von Emotionen auch bei ADHS vorkommen können. Bei Autismus sind Beeinträchtigungen der sozialen Reziprozität und nonverbalen Kommunikation sowie repetitive und stereotype Verhaltensweisen jedoch stärker Bestandteil der Kernsymptomatik.

Deshalb ist die bloße Feststellung „Ich habe soziale Schwierigkeiten“ diagnostisch noch nicht ausreichend.

Auch intensive Interessen sind nicht automatisch ein Hinweis auf Autismus

Ein ähnliches Missverständnis gibt es bei sogenannten Spezialinteressen. Menschen mit ADHS können sich außerordentlich intensiv mit einem Thema beschäftigen, insbesondere wenn es neu, interessant oder stimulierend ist. Umgangssprachlich wird dafür häufig der Begriff „Hyperfokus“ verwendet. Die Aufmerksamkeit kann für längere Zeit sehr stark gebunden sein und anschließend wieder deutlich nachlassen oder sich einem neuen Thema zuwenden.

Auch autistische Menschen können Interessen mit außergewöhnlicher Intensität verfolgen. Diagnostisch geht es hier jedoch nicht einfach darum, ob jemand ein Hobby besonders gern mag. Betrachtet werden unter anderem Intensität, Qualität, zeitlicher Verlauf und Bedeutung eines Interesses sowie die Frage, wie stark es andere Lebensbereiche beeinflusst.

Ein einzelnes intensives Interesse sagt deshalb weder „ADHS“ noch „Autismus“.

Struktur kann bei ADHS und Autismus wichtig sein, aber aus unterschiedlichen Gründen

Besonders interessant ist die Frage nach Routinen. Ein autistischer Mensch kann feste Abläufe benötigen, weil Vorhersehbarkeit Sicherheit schafft und Veränderungen erhebliche Irritation oder Belastung auslösen. Das Bedürfnis nach Gleichförmigkeit gehört zu den Merkmalen, die im Rahmen einer Autismusdiagnostik genauer betrachtet werden.

Menschen mit ADHS bauen ebenfalls häufig sehr feste Strukturen auf. Diese können jedoch eine andere Funktion haben. Sie helfen beispielsweise dabei, Vergesslichkeit, Schwierigkeiten mit Zeitmanagement oder Probleme bei der Handlungsorganisation auszugleichen.

In der Erwachsenen-Diagnostik kann das ausgesprochen schwer auseinanderzuhalten sein. Ein Mensch, der seinen Alltag minutiös plant, wirkt auf den ersten Blick möglicherweise sehr strukturiert. Erst die Anamnese zeigt, ob diese Struktur schon früh als starkes Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit vorhanden war oder später als Kompensationsstrategie entstanden ist. Genau diesen Unterschied greift auch die von euch vorgelegte aktuelle Fachliteratur zur Differentialdiagnostik auf.

Die entscheidende diagnostische Frage ist demnach: Wie haben sich diese Routinen entwickelt, wozu werden sie benötigt und was geschieht, wenn sie nicht eingehalten werden können?

Reizempfindlichkeit allein unterscheidet ADHS und Autismus ebenfalls nicht

Geräusche im Großraumbüro, grelles Licht, viele gleichzeitig sprechende Menschen oder eine volle U-Bahn können enorm anstrengend sein. Sensorische Besonderheiten werden besonders häufig mit Autismus verbunden und gehören heute auch zu den diagnostisch relevanten Merkmalen des Spektrums. Reizoffenheit und Schwierigkeiten, unwichtige Informationen auszublenden, können jedoch ebenfalls bei ADHS eine Rolle spielen.

Auch hier reicht die Feststellung „Ich bin reizempfindlich“ nicht aus. Eine sorgfältige Diagnostik fragt genauer nach Art, Ausprägung, Entwicklung und Kontext dieser Erfahrungen.

Warum die Kindheit so wichtig ist

Eine der wichtigsten Informationsquellen in der Differentialdiagnostik ist der Entwicklungsverlauf. Sowohl bei Autismus als auch bei ADHS handelt es sich um Entwicklungsstörungen. Bei der Autismusdiagnostik muss deshalb untersucht werden, ob entsprechende Merkmale bereits in der frühen Entwicklung vorhanden waren.

Das bedeutet nicht, dass Eltern rückblickend sagen müssen: „Das war schon mit drei Jahren eindeutig Autismus.“ Gerade bei Menschen mit guten kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten, bei Mädchen und Frauen oder bei Personen, die früh gelernt haben, Schwierigkeiten zu kompensieren, können Auffälligkeiten lange wenig sichtbar bleiben.

Rückblickend können sich aber Muster zeigen. Wie wurden Freundschaften gestaltet? Wie verlief das freie Spiel? Wie flexibel war das Kind bei Veränderungen? Gab es besondere Interessen oder sensorische Auffälligkeiten? Wie wurden soziale Situationen verstanden? Und wann traten Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Organisation oder Impulsivität auf?

Deshalb können alte Schulzeugnisse, Berichte aus der Kindheit und Gespräche mit Eltern oder anderen Bezugspersonen diagnostisch ausgesprochen wertvoll sein.

Eine gute Diagnostik betrachtet nicht nur eine Momentaufnahme eines Erwachsenen im Untersuchungszimmer, sondern muss eine Entwicklung über viele Jahre zu verstehen und einordnen.

Autismus und ADHS können gleichzeitig vorliegen

Lange wurde Autismus und ADHS diagnostisch stärker als gegenseitige Alternativen betrachtet. Der heutige fachliche Blick ist ein anderer. Beide Störungsbilder können gemeinsam auftreten.

Das ist klinisch wichtig. Denn wenn bei einem autistischen Menschen zusätzlich eine ausgeprägte ADHS-Symptomatik besteht, erklärt Autismus allein möglicherweise nicht alle Schwierigkeiten. Umgekehrt kann eine bereits diagnostizierte ADHS dazu führen, dass zusätzliche autistische Merkmale lange nicht weiter untersucht werden.

Fachpublikationen beschreiben deshalb die Abgrenzung ausdrücklich nicht nur als Frage „Autismus oder ADHS?“, sondern auch als Frage, ob beide Störungsbilder vorliegen. Für diese Unterscheidung sind eine genaue Längsschnittdiagnostik und möglichst umfangreiche Informationen zur Entwicklung wichtig.

Das ist einer der Gründe, warum eine gute Differentialdiagnostik ergebnisoffen bleiben sollte.

Warum ein Fragebogen diese Frage nicht beantworten kann

Online finden sich zahlreiche Selbsttests für Autismus und ADHS. Auch in einer professionellen Diagnostik können standardisierte Fragebögen sinnvoll sein. Sie beantworten jedoch eine andere Frage als eine umfassende klinische Diagnostik.

Ein Fragebogen kann erfassen, wie häufig eine Person bestimmte Erfahrungen oder Verhaltensweisen berichtet. Er kann Hinweise darauf geben, ob eine weiterführende Abklärung sinnvoll ist. Was er nicht zuverlässig leisten kann, ist die Erklärung, warum ein bestimmtes Merkmal vorliegt.

Wer beispielsweise angibt, soziale Situationen anstrengend zu finden, kann dafür sehr unterschiedliche Gründe haben. Neben Autismus und ADHS können unter anderem soziale Ängste, Depressionen, traumatische Erfahrungen, Persönlichkeitsfaktoren oder andere psychische Belastungen eine Rolle spielen.

Genau deshalb unterscheidet die fachliche Diagnostik zwischen Screening und Diagnosestellung. Die deutsche S3-Leitlinie behandelt Screening-Instrumente, diagnostische Verfahren, Differentialdiagnostik und komorbide Störungen als unterschiedliche Bestandteile des diagnostischen Prozesses.

Auch empirische Untersuchungen bei Erwachsenen mit Autismusverdacht zeigen, wie vorsichtig einzelne Selbstbeurteilungsinstrumente interpretiert werden müssen. In einer deutschen Untersuchung konnte beispielsweise der Autismus-Quotient Personen mit und ohne ASS nur unzureichend voneinander unterscheiden.

Ein hoher Wert in einem Fragebogen ist deshalb ein Hinweis, keine Diagnose.

Was eine gute Differentialdiagnostik leisten sollte

Bei einer fundierten Diagnostik geht es nicht darum, möglichst viele passende Merkmale für eine bereits vermutete Diagnose zu sammeln. Es geht darum, die beste Erklärung für das Gesamtbild zu finden.

Dazu gehören die aktuelle Symptomatik und Belastung ebenso wie die Entwicklungsgeschichte, soziale Kommunikation und Interaktion, Aufmerksamkeit und Impulsivität, repetitive Verhaltensweisen und Interessen, sensorische Besonderheiten, Kompensationsstrategien und mögliche weitere psychische Erkrankungen.

Je nach Fragestellung kommen standardisierte Interviews, Fragebögen und Beobachtungsverfahren hinzu. Bei einer Autismusdiagnostik können beispielsweise Verfahren wie ADOS-2 und ADI-R wichtige Informationen liefern. Auch deren Ergebnisse dürfen jedoch nicht losgelöst von Anamnese und klinischer Gesamteinschätzung betrachtet werden.

Internationale Empfehlungen zur gemeinsamen Diagnostik von Autismus und ADHS beschreiben deshalb einen mehrdimensionalen Ansatz, der Entwicklungsgeschichte, klinische Anamnese, Beeinträchtigungen im Alltag, standardisierte Verfahren und Beobachtungsinformationen miteinander verbindet.

Das entspricht auch unserer diagnostischen Haltung bei Talentum. Die einzelnen Untersuchungsergebnisse werden zusammengeführt und differentialdiagnostisch ausgewertet. Eine Autismusdiagnose steht dabei nicht bereits vor Beginn der Untersuchung fest.

Manchmal ist die richtige Antwort nicht „entweder – oder“

Wer sich lange mit der Frage beschäftigt hat, ob die eigenen Erfahrungen besser zu ADHS oder zu Autismus passen, wünscht sich verständlicherweise irgendwann eine eindeutige Antwort.

Manchmal lautet sie tatsächlich ADHS. Manchmal Autismus. Manchmal liegen beide Störungsbilder vor und manchmal zeigt eine sorgfältige Untersuchung, dass eine ganz andere Erklärung besser passt.

Eine gute Diagnostik sollte deshalb nicht versuchen, einen Verdacht möglichst schnell zu bestätigen. Ihr Ziel ist, die individuelle Entwicklung und die bestehenden Schwierigkeiten so genau zu verstehen, dass am Ende eine fachlich begründete Einordnung möglich wird.