ADOS-2 und ADI-R in der Autismus-Diagnostik – welche Rolle spielen diese Verfahren?

Posted on

Wer sich mit einer Autismus-Diagnostik beschäftigt, stößt fast zwangsläufig auf die Begriffe ADOS-2 und ADI-R. Beide Verfahren gehören zu den bekanntesten Instrumenten der spezialisierten Autismusdiagnostik und werden sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Erwachsenen eingesetzt. Trotzdem entsteht leicht der Eindruck, mit einem dieser Verfahren lasse sich Autismus ähnlich wie mit einem Labortest eindeutig nachweisen oder ausschließen.

So funktioniert Autismus-Diagnostik nicht. ADOS-2 und ADI-R liefern wichtige diagnostische Informationen, ihre Aussagekraft entsteht jedoch erst im Zusammenhang mit Anamnese, Entwicklungsgeschichte, klinischer Beobachtung und Differentialdiagnostik. Gerade diese Zusammenschau ist entscheidend, weil eine Autismus-Spektrum-Störung anhand eines überdauernden Entwicklungs- und Verhaltensmusters diagnostiziert wird und kein einzelner Messwert dieses Gesamtbild vollständig abbilden kann.

Bei Talentum werden ADOS-2 und ADI-R deshalb als Bestandteile einer umfassenderen Diagnostik eingesetzt, gemeinsam mit Anamnese, Fragebögen, Differentialdiagnostik und einer abschließenden Gesamtauswertung.

Was ist der ADOS-2?

Die Abkürzung ADOS-2 steht für „Autism Diagnostic Observation Schedule – Second Edition“. Das Verfahren wurde entwickelt, um autismusrelevante Merkmale innerhalb einer standardisierten sozialen und kommunikativen Situation beobachten zu können.

Je nach Alter, sprachlicher Entwicklung und Fähigkeiten der untersuchten Person werden unterschiedliche Module verwendet. Die konkreten Aufgaben unterscheiden sich entsprechend, das Grundprinzip bleibt jedoch gleich. Während der Untersuchung entstehen Situationen, in denen Kommunikation und soziale Interaktion beobachtet werden können. Im Mittelpunkt steht beispielsweise, wie ein Gespräch aufgebaut wird, wie soziale Initiative und Gegenseitigkeit entstehen, wie nonverbale Kommunikation eingesetzt wird und ob weitere autismusrelevante Verhaltensweisen sichtbar werden.

Der ADOS-2 ist damit keine Wissensprüfung, bei der Aufgaben richtig gelöst werden müssen. Beobachtet wird das Verhalten innerhalb einer gezielt strukturierten Interaktion.

Warum eine standardisierte Beobachtung hilfreich ist

Alltagsbeobachtungen können sehr unterschiedlich ausfallen. Eltern erleben ein Kind möglicherweise anders als Lehrkräfte, Erwachsene verhalten sich im beruflichen Umfeld anders als zu Hause, und auch die Einschätzung einzelner Fachpersonen kann durch die jeweilige Situation beeinflusst werden.

Eine standardisierte Untersuchung schafft einen Rahmen, in dem bestimmte soziale und kommunikative Situationen gezielt hergestellt werden. Dadurch können Beobachtungen systematischer erfasst und anhand vorgegebener Kriterien bewertet werden. Gerade für die Diagnostik sozialer Kommunikation ist das hilfreich, weil nicht allein berichtet wird, wie jemand üblicherweise interagiert, sondern eine direkte Beobachtung stattfindet.

Im Kindes- und Jugendalter wird die Kombination aus ADOS-2, ADI-R, sorgfältiger Anamnese und Differentialdiagnostik in der Fachliteratur als besonders etablierter diagnostischer Ansatz beschrieben. Screeningverfahren haben dabei eine andere Aufgabe und sollen die standardisierte Diagnostik nicht ersetzen.

Ein ADOS-2-Wert ist keine Autismusdiagnose

Nach der Durchführung des ADOS-2 werden bestimmte beobachtete Merkmale anhand eines standardisierten Systems kodiert. Daraus lässt sich ein Wert berechnen, der mit diagnostischen Schwellenwerten verglichen werden kann.

Diese Schwellenwerte sind diagnostisch hilfreich, ihre Bedeutung wird jedoch manchmal überschätzt. Ein Wert oberhalb eines Cut-offs bedeutet nicht automatisch, dass eine Autismus-Spektrum-Störung vorliegt. Ebenso schließt ein Wert unterhalb eines Cut-offs Autismus nicht mit absoluter Sicherheit aus.

Die Fachliteratur beschreibt den ADOS-2 ausdrücklich als Verhaltensstichprobe. Die Untersuchung erfasst einen begrenzten Ausschnitt des Verhaltens innerhalb bestimmter Situationen, der mehr oder weniger repräsentativ für die sozialen Interaktionen einer Person im Alltag sein kann. Genau deshalb braucht ein ADOS-2-Ergebnis immer eine klinische Interpretation.

Warum Sensitivität und Spezifität wichtig sind

Bei diagnostischen Verfahren wird häufig untersucht, wie zuverlässig sie Menschen mit und ohne eine bestimmte Erkrankung voneinander unterscheiden können. Zwei wichtige Kennwerte sind dabei Sensitivität und Spezifität.

Die Sensitivität beschreibt vereinfacht, wie viele tatsächlich betroffene Personen durch ein Verfahren erkannt werden. Die Spezifität gibt an, wie gut Menschen ohne die betreffende Diagnose korrekt als solche eingeordnet werden.

Beim ADOS-2 erreichen diese Werte je nach Modul, Stichprobe und untersuchter Personengruppe keine hundert Prozent. Untersuchungen des bei sprachlich kompetenten Erwachsenen häufig verwendeten Moduls 4 zeigen beispielsweise, dass diagnostische Genauigkeit und optimale Schwellenwerte je nach Stichprobe variieren können.

Das ist kein besonderer Mangel des ADOS-2, denn in der klinischen Psychologie gibt es kaum Verfahren, die komplexe Störungsbilder vollkommen fehlerfrei erkennen können. Es zeigt jedoch, weshalb es fachlich problematisch wäre, eine Autismusdiagnose ausschließlich aus einem einzelnen ADOS-2-Wert abzuleiten.

Welche Rolle spielt Masking beim ADOS-2?

Bei Jugendlichen und Erwachsenen kann die Interpretation zusätzlich dadurch erschwert werden, dass manche Menschen ihre sozialen Schwierigkeiten über viele Jahre kompensiert haben.

Sie haben möglicherweise gelernt, Blickkontakt bewusst zu regulieren, Gesprächsregeln anzuwenden, passende Rückfragen zu stellen oder soziale Situationen systematisch zu analysieren. Im Rahmen einer begrenzten Untersuchung können solche Strategien sehr wirkungsvoll sein.

Aktuelle Untersuchungen weisen darauf hin, dass insbesondere bei erwachsenen Frauen Unterschiede in ADOS-2-Werten auftreten können, die von den Autoren unter anderem mit kompensatorischen Strategien und Camouflaging in Verbindung gebracht werden. In einer aktuellen Untersuchung erzielten weibliche Personen im Durchschnitt niedrigere Werte im ADOS-2 Modul 4, während dieser Unterschied beim ADI-R nicht in gleicher Weise auftrat.

Auch deshalb sollte ein vergleichsweise unauffälliger ADOS-2-Befund nicht isoliert betrachtet werden. Entscheidend bleibt, wie sich die Person über ihre gesamte Entwicklung hinweg erlebt und verhalten hat und ob mögliche Anpassungsstrategien bei der Interpretation berücksichtigt werden müssen.

Was ist das ADI-R?

Das ADI-R, ausgeschrieben „Autism Diagnostic Interview – Revised“, verfolgt einen anderen Ansatz. Es handelt sich um ein strukturiertes beziehungsweise semistrukturiertes Interview mit Eltern oder anderen Bezugspersonen, die möglichst gute Kenntnisse über die frühe Entwicklung der untersuchten Person haben.

Während der ADOS-2 das Verhalten in einer aktuellen Untersuchungssituation erfasst, richtet das ADI-R den Blick stärker auf die Entwicklungsgeschichte.

Das Interview umfasst zahlreiche Fragen zu früher sozialer Interaktion, Kommunikation, Entwicklung und repetitiven beziehungsweise stereotypen Verhaltensweisen. Die Fachliteratur beschreibt 93 Items, wobei ein Teil davon in diagnostische Algorithmen eingeht und insbesondere Informationen aus der frühen Kindheit berücksichtigt.

Bei Talentum wird das ADI-R sowohl in der Erwachsenen- als auch in der Kinder- und Jugenddiagnostik eingesetzt, sofern die entsprechenden Informationen erhoben werden können.

Weshalb die frühe Entwicklung für eine Autismusdiagnose entscheidend ist

Autismus gehört zu den neurodevelopmentalen Störungen, weshalb die zugrunde liegenden Merkmale bereits in der frühen Entwicklungsphase vorhanden sein müssen. Auch wenn Schwierigkeiten erst später deutlich sichtbar werden, sollte sich rückblickend ein entsprechender Entwicklungsverlauf nachvollziehen lassen.

Bei einem zehnjährigen Kind können Eltern hierzu meist noch relativ konkrete Erinnerungen beitragen. Bei einem Erwachsenen, der mit 35 oder 50 Jahren eine Diagnostik beginnt, liegt die betreffende Lebensphase bereits Jahrzehnte zurück. Gerade hier kann die Fremdanamnese besonders wichtig werden. Eltern oder andere enge Bezugspersonen erinnern sich möglicherweise an frühere Besonderheiten, die der betroffenen Person selbst kaum bekannt sind. Alte Schulzeugnisse oder frühere Befunde können zusätzliche Hinweise liefern.

Das ADI-R bietet eine strukturierte Möglichkeit, solche Entwicklungshinweise systematisch zu erfassen.

Was passiert, wenn Eltern nicht befragt werden können?

Bei Erwachsenen ist es keineswegs ungewöhnlich, dass Eltern nicht mehr zur Verfügung stehen, der Kontakt abgebrochen ist oder Erinnerungen an die frühe Kindheit nur begrenzt belastbar sind.

Das macht eine Autismus-Diagnostik schwieriger, bedeutet jedoch nicht automatisch, dass überhaupt keine diagnostische Einschätzung mehr möglich ist. Dann muss geprüft werden, welche anderen Informationsquellen vorhanden sind. Dazu können frühere Zeugnisse, medizinische oder psychologische Berichte, andere langjährige Bezugspersonen und die eigene biografische Erinnerung gehören. Die Gewichtung solcher Informationen muss im Einzelfall erfolgen. Das zentrale diagnostische Problem bleibt dabei bestehen, dass bei einer neurodevelopmentalen Störung der Entwicklungsverlauf nachvollziehbar sein sollte.

Das ADI-R ist deshalb ein wertvolles Instrument, gleichzeitig darf die diagnostische Qualität nicht allein daran gemessen werden, ob dieses eine Interview vollständig durchgeführt werden konnte.

Warum ADOS-2 und ADI-R unterschiedliche Informationen liefern

Der besondere Wert beider Verfahren liegt darin, dass sie dieselbe diagnostische Fragestellung aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten.

Der ADOS-2 zeigt, wie sich bestimmte soziale und kommunikative Merkmale in einer aktuellen standardisierten Situation darstellen. Das ADI-R rekonstruiert, wie sich relevante Verhaltensweisen über die Entwicklung hinweg gezeigt haben.

Diese Informationen müssen nicht immer perfekt übereinstimmen. Ein Erwachsener kann heute im ADOS-2 relativ unauffällig wirken und gleichzeitig eine ausgeprägte autistische Entwicklungsgeschichte aufweisen, möglicherweise weil über Jahre wirksame Kompensationsstrategien entstanden sind. Umgekehrt kann eine Person während der aktuellen Untersuchung zahlreiche autismusähnliche Verhaltensweisen zeigen, während sich in der frühen Entwicklung kein entsprechendes überdauerndes Muster erkennen lässt.

Solche Unterschiede sind keine störenden Messfehler, die man einfach ignorieren sollte. Sie können wichtige Hinweise darauf geben, welche diagnostische Erklärung tatsächlich plausibel ist.

Warum auch zwei auffällige Verfahren noch keine vollständige Diagnostik ergeben

Selbst wenn sowohl ADOS-2 als auch ADI-R deutlich auffällige Ergebnisse liefern, bleibt die Differentialdiagnostik notwendig.

Bestimmte Auffälligkeiten sozialer Kommunikation oder Interaktion können auch im Zusammenhang mit anderen psychischen oder neurodevelopmentalen Störungen auftreten. Zusätzlich können mehrere Diagnosen gleichzeitig bestehen.

Eine Autismusdiagnose verlangt daher mehr als die Übereinstimmung zweier Testverfahren. Es muss beurteilt werden, ob die diagnostischen Kriterien insgesamt erfüllt sind, ob sich ein entsprechender Entwicklungsverlauf nachvollziehen lässt, ob relevante Beeinträchtigungen bestehen und ob andere Erklärungen besser zu den vorhandenen Schwierigkeiten passen.

Für die Erwachsenendiagnostik werden in aktuellen fachlichen Empfehlungen unter anderem das Vorliegen der diagnostischen Kriterien, Hinweise aus der Kindheit, Fremdanamnese beziehungsweise externe Bestätigung, überdauernde Symptomatik, funktionale Beeinträchtigung und der Ausschluss besser passender anderer Erklärungen als Kernelemente genannt.

Damit wird deutlich, dass standardisierte Verfahren einen größeren diagnostischen Prozess unterstützen.

Welche Rolle spielt die Differentialdiagnostik?

Differentialdiagnostik bedeutet, verschiedene mögliche Erklärungen für die vorhandenen Schwierigkeiten gegeneinander abzuwägen.

Bei einem Erwachsenen mit sozialen Schwierigkeiten kann beispielsweise geprüft werden, welche Rolle soziale Angst, ADHS, depressive Erkrankungen, Zwangssymptome oder andere psychische Faktoren spielen. Bei Kindern kommen unter anderem Entwicklungsstand, Sprachentwicklung, ADHS, Belastungssituationen und weitere Entwicklungsbesonderheiten hinzu.

Dabei besteht die diagnostische Aufgabe nicht darin, möglichst viele andere Diagnosen „auszuschließen“, bevor Autismus überhaupt in Betracht gezogen werden darf. Mehrere Störungsbilder können gleichzeitig bestehen. Entscheidend ist, welche diagnostische Einordnung das Gesamtbild am überzeugendsten erklärt.

Bei Talentum beginnt diese Betrachtung bereits in der Anamnese, in der ausdrücklich auch mögliche andere Erklärungen für bestehende Schwierigkeiten und Auffälligkeiten berücksichtigt werden.

Weshalb Online-Selbsttests etwas anderes sind

Die Begriffe ADOS-2 und ADI-R werden gelegentlich mit Autismus-Selbsttests im Internet in einen Topf geworfen, diagnostisch handelt es sich jedoch um sehr unterschiedliche Instrumente.

Online-Fragebögen wie der AQ oder andere Screeningverfahren beruhen überwiegend auf Selbst- oder Fremdeinschätzungen. Sie können Hinweise darauf geben, ob eine genauere diagnostische Abklärung sinnvoll sein könnte.

Auch gut untersuchte Fragebögen haben abhängig von Stichprobe und gewähltem Schwellenwert unterschiedliche Sensitivitäts- und Spezifitätswerte. Die verfügbaren Fachmaterialien zeigen etwa beim AQ deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Untersuchungen und Versionen. Der ADOS-2 basiert dagegen auf einer standardisierten direkten Verhaltensbeobachtung, das ADI-R auf einer ausführlichen strukturierten Entwicklungserhebung.

Deshalb haben alle drei Instrumenttypen unterschiedliche Funktionen. Ein Screening beantwortet zunächst die Frage, ob weitere Diagnostik sinnvoll sein könnte, während ADOS-2 und ADI-R innerhalb einer diagnostischen Gesamtbeurteilung wesentlich detailliertere Informationen liefern.

Kann man den ADOS-2 vollständig online durchführen?

Der eigentliche diagnostische Wert des ADOS-2 liegt in der standardisierten direkten Interaktion und Verhaltensbeobachtung. Genau diese Standardisierung ist an bestimmte Untersuchungsbedingungen gebunden.

Videogespräche können in einer Autismus-Diagnostik trotzdem sehr sinnvoll sein. Anamnesegespräche, bestimmte vorbereitende Termine und gegebenenfalls Teile der Fremdanamnese lassen sich je nach Fragestellung gut online oder telefonisch durchführen. Die standardisierte Verhaltensbeobachtung hat jedoch eine andere Funktion. Aus diesem Grund verbindet Talentum geeignete Online-Termine mit persönlicher Diagnostik in der Praxis, wobei Termine bei weiterer Anreise möglichst kompakt organisiert werden können.

Die organisatorische Flexibilität verändert damit nicht die diagnostische Aufgabe, soziale Kommunikation und Interaktion auch unmittelbar beurteilen zu können.

Ist ADOS-2 plus ADI-R der „Goldstandard“?

Der Begriff „Goldstandard“ wird im Zusammenhang mit ADOS-2 und ADI-R häufig verwendet. In der Fachliteratur zur Kinder- und Jugenddiagnostik wird diese Kombination tatsächlich als international etablierter diagnostischer Standard beschrieben, wenn sie gemeinsam mit sorgfältiger Anamnese und Differentialdiagnostik eingesetzt wird.

Der Begriff darf jedoch nicht so verstanden werden, als würden zwei Testwerte automatisch eine objektive Diagnose erzeugen. Auch aktuelle Beiträge zur Erwachsenendiagnostik betonen, dass ADOS und ADI-R diagnostisch nützlich sind, während eine fundierte Fremdanamnese mit Kindheitsbezug und eine strukturierte Verhaltensbeobachtung zentrale Bestandteile der diagnostischen Beurteilung bleiben.

Qualität entsteht daher durch die fachgerechte Durchführung der Verfahren und vor allem durch ihre Einordnung in einen umfassenden diagnostischen Prozess.

Was geschieht nach ADOS-2 und ADI-R?

Nach Abschluss beider Verfahren werden ihre Ergebnisse gemeinsam mit den übrigen diagnostischen Informationen ausgewertet.

Bei Talentum umfasst diese Gesamteinschätzung unter anderem Anamnese, Fragebogendiagnostik, ADOS-2, ADI-R und Differentialdiagnostik. Anschließend erfolgt ein Befundgespräch, in dem die diagnostische Einordnung erläutert wird, und es wird ein schriftlicher Befundbericht erstellt.

Für die Qualität der Diagnostik ist gerade dieser letzte Schritt entscheidend. Ein Befund sollte erklären können, wie die unterschiedlichen Ergebnisse miteinander zusammenpassen, welche Kriterien erfüllt sind, welche Befunde gegen eine Diagnose sprechen und welche alternativen oder zusätzlichen Erklärungen berücksichtigt wurden.

Ein bloßes „ADOS positiv“ oder „ADI-R unauffällig“ wäre dafür zu wenig.

Gute Autismus-Diagnostik besteht aus der Gesamtschau

ADOS-2 und ADI-R gehören zu den wichtigsten standardisierten Verfahren der Autismusdiagnostik, weil sie zwei zentrale Perspektiven miteinander verbinden. Der ADOS-2 ermöglicht die strukturierte Beobachtung aktueller sozialer Kommunikation und Interaktion, während das ADI-R den Entwicklungsverlauf anhand einer ausführlichen Fremdanamnese erfasst.

Ihre Stärke liegt gerade darin, dass beide Verfahren unterschiedliche Informationen liefern. Eine fachlich fundierte Autismus-Diagnostik betrachtet diese Ergebnisse gemeinsam mit der persönlichen Entwicklung, aktuellen Schwierigkeiten, möglichen Kompensationsstrategien und Differentialdiagnosen. Erst daraus entsteht eine begründete diagnostische Einschätzung.

Bei Talentum werden ADOS-2 und ADI-R deshalb nicht als isolierte Entscheidungstests verstanden, vielmehr sind sie Bestandteile einer ergebnisoffenen Diagnostik, deren Ziel eine möglichst genaue Erklärung der bestehenden Symptome und Besonderheiten ist.