Autismus-Diagnostik bei Erwachsenen – was passiert eigentlich genau?

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Wer sich im Erwachsenenalter mit der Frage beschäftigt, ob eine Autismus-Spektrum-Störung vorliegen könnte, hat häufig bereits eine längere persönliche Vorgeschichte hinter sich. Manche Menschen erleben seit ihrer Kindheit soziale Situationen als ungewöhnlich anstrengend, andere haben über Jahre versucht, wiederkehrende Schwierigkeiten mit Beziehungen, Reizverarbeitung, Veränderungen oder Überforderung einzuordnen, ohne dafür eine überzeugende Erklärung gefunden zu haben.

Eine Autismus-Diagnostik im Erwachsenenalter versucht, diese Erfahrungen in ihrem zeitlichen Zusammenhang zu verstehen und mit den diagnostischen Kriterien abzugleichen. Dafür reicht weder ein einzelner Fragebogen noch eine kurze Beobachtung aus, weil das heutige Verhalten nur einen Ausschnitt einer Entwicklung zeigt, die bereits in der Kindheit begonnen haben muss.

Bei Talentum umfasst die Diagnostik für Erwachsene eine ausführliche Anamnese, Fragebogendiagnostik, ADOS-2, ADI-R, Differentialdiagnostik, die gemeinsame Auswertung aller Befunde, ein abschließendes Befundgespräch und einen schriftlichen Befundbericht.

Warum eine Autismus-Diagnostik bei Erwachsenen besonders anspruchsvoll sein kann

Bei Kindern lassen sich Entwicklungsverläufe häufig noch relativ unmittelbar beobachten, während bei Erwachsenen viele relevante Erfahrungen Jahrzehnte zurückliegen. Gleichzeitig haben Erwachsene oft Strategien entwickelt, mit denen sie Schwierigkeiten ausgleichen oder weniger sichtbar machen.

Eine Person kann im Gespräch beispielsweise sozial kompetent wirken, Blickkontakt halten und sehr differenziert über zwischenmenschliche Beziehungen sprechen, obwohl dieses Verhalten über lange Zeit bewusst erlernt und eingeübt wurde. Solche Kompensations- und Maskierungsstrategien können die diagnostische Einschätzung erschweren, weshalb aktuelle Fachliteratur empfiehlt, auch danach zu fragen, wie soziale Situationen vorbereitet und bewältigt werden und wie belastend diese Anpassung im Alltag ist.

Eine gute Erwachsenendiagnostik verbindet deshalb aktuelle Beobachtungen mit der persönlichen Entwicklungsgeschichte und berücksichtigt zugleich mögliche andere Erklärungen für die bestehenden Schwierigkeiten.

Die Vorbereitung beginnt bereits vor dem ersten ausführlichen Gespräch

Vor den eigentlichen Untersuchungsterminen werden in der Regel Informationen gesammelt, die später in die diagnostische Einschätzung einfließen können. Dazu gehören Fragebögen und Angaben zur bisherigen Entwicklung, zu aktuellen Schwierigkeiten und zur bisherigen psychiatrischen oder psychotherapeutischen Vorgeschichte.

Bei Talentum erhalten Erwachsene nach der Terminvereinbarung die für die Diagnostik erforderlichen Fragebögen und Informationen zur Vorbereitung.

Fragebögen können dabei helfen, bestimmte Themen systematisch zu erfassen, sie ersetzen jedoch keine klinische Diagnostik. Gerade im Erwachsenenalter können erhöhte Werte in Autismus-Screenings auch bei Menschen vorkommen, deren Schwierigkeiten letztlich besser durch andere psychische oder neuroentwicklungsbezogene Faktoren erklärt werden.

Deshalb beginnt die eigentliche diagnostische Arbeit dort, wo die Antworten in ihren biografischen und klinischen Zusammenhang eingeordnet werden.

In der Anamnese wird die gesamte Entwicklung betrachtet

Ein zentraler Bestandteil der Autismus-Diagnostik ist die ausführliche Anamnese. Dabei wird besprochen, welche Schwierigkeiten aktuell bestehen, wie sie sich über die Jahre entwickelt haben und in welchen Lebensbereichen sie besonders deutlich werden.

Von Interesse sind beispielsweise Erfahrungen mit Freundschaften und Partnerschaften, soziale Situationen in Schule und Beruf, der Umgang mit Veränderungen und unvorhergesehenen Situationen, intensive Interessen, sensorische Besonderheiten und wiederkehrende Schwierigkeiten im Alltag. Auch bisherige Diagnosen, psychische Erkrankungen und therapeutische Erfahrungen gehören in diesen Zusammenhang.

Bei Talentum wird in diesem Gespräch ausdrücklich die bisherige Entwicklung gemeinsam mit der aktuellen Lebenssituation betrachtet. Die Diagnostik richtet sich dabei nicht ausschließlich auf Autismus, weil auch andere mögliche Erklärungen für bestehende Schwierigkeiten berücksichtigt werden.

Diese Differentialdiagnostik ist besonders wichtig, weil einzelne autismusähnliche Merkmale auch bei ADHS, Angststörungen, Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen vorkommen können.

Weshalb die Kindheit auch bei einer Diagnose mit 30, 40 oder 50 Jahren wichtig bleibt

Eine Autismus-Spektrum-Störung gehört zu den neuronalen Entwicklungsstörungen. Für eine Diagnose muss deshalb nachvollziehbar sein, dass die zugrunde liegenden Besonderheiten nicht erst im Erwachsenenalter entstanden sind.

Bei einer späten Diagnostik wird häufig versucht, die Kindheit anhand verschiedener Informationsquellen zu rekonstruieren. Dazu können Erinnerungen der betroffenen Person, Gespräche mit Eltern oder anderen engen Angehörigen, Schulzeugnisse und frühere Befunde gehören.

Aktuelle Empfehlungen zur Erwachsenendiagnostik weisen ausdrücklich darauf hin, dass Erfahrungen aus der Grundschulzeit und alte Zeugnisse hilfreiche Hinweise liefern können. Auch eine Fremdanamnese mit Eltern oder engen Angehörigen wird als wichtige Informationsquelle beschrieben.

Natürlich stehen solche Informationen nicht immer vollständig zur Verfügung. Eltern können verstorben sein, Familienkontakte können fehlen und alte Dokumente wurden möglicherweise längst entsorgt. Eine seriöse Diagnostik muss mit dieser Unsicherheit umgehen und die Qualität der noch verfügbaren Informationen entsprechend bewerten.

Was passiert beim ADOS-2?

Der ADOS-2 ist ein standardisiertes Beobachtungsverfahren, das häufig im Rahmen einer Autismus-Diagnostik eingesetzt wird. Bei sprachlich kompetenten Erwachsenen wird in der Regel ein für diese Personengruppe vorgesehenes Modul verwendet.

Während der Untersuchung entstehen verschiedene Gesprächs- und Interaktionssituationen, in denen unter anderem soziale Kommunikation, Gegenseitigkeit und weitere autismusrelevante Verhaltensmerkmale beobachtet werden können.

Für viele Erwachsene klingt die Bezeichnung „Test“ zunächst so, als müssten Aufgaben richtig oder falsch gelöst werden. Das trifft den Charakter des ADOS-2 jedoch nur begrenzt. Im Mittelpunkt steht die strukturierte Beobachtung des sozialen und kommunikativen Verhaltens innerhalb einer standardisierten Situation.

Ein ADOS-2-Ergebnis ist dennoch keine Diagnose für sich. Untersuchungen zeigen, dass auch bei diesem etablierten Verfahren Sensitivität und Spezifität nicht hundertprozentig sind und sich beispielsweise Kompensationsstrategien auf das beobachtete Verhalten auswirken können.

Gerade deshalb muss der Befund gemeinsam mit Anamnese, Entwicklungsgeschichte und weiteren diagnostischen Informationen interpretiert werden.

Welche Aufgabe hat das ADI-R bei Erwachsenen?

Das ADI-R ist ein ausführliches, strukturiertes Interview, das sich vor allem mit der frühen Entwicklung beschäftigt. Wenn geeignete Bezugspersonen zur Verfügung stehen, können darüber Informationen erhoben werden, die sich aus der Selbstauskunft eines Erwachsenen allein häufig nicht mehr zuverlässig rekonstruieren lassen.

Die Fachliteratur betont die Bedeutung dieser Fremdanamnese, weil Autismus bereits in der frühen Kindheit angelegt sein muss und viele relevante Entwicklungsinformationen nur von Menschen berichtet werden können, die die betreffende Person damals gut kannten.

Das ADI-R betrachtet unter anderem Entwicklungsgeschichte, soziale Interaktion, Kommunikation, repetitive Verhaltensweisen und weitere Auffälligkeiten.

Auch hier gilt, dass ein einzelnes Verfahren nicht über die Diagnose entscheidet. Aktuelle Fachbeiträge zur Erwachsenendiagnostik beschreiben ADOS und ADI-R als diagnostisch nützliche Verfahren, während eine fundierte Fremdanamnese mit Kindheitsbezug und eine strukturierte Verhaltensbeobachtung als besonders wichtige Bestandteile hervorgehoben werden.

Warum die persönliche Beobachtung ein wichtiger Teil der Diagnostik ist

Viele Informationen lassen sich in einem ausführlichen Gespräch sehr gut erheben, einige Aspekte sozialer Kommunikation und Interaktion werden jedoch erst im direkten Kontakt sichtbar.

Dabei kann beispielsweise beobachtet werden, wie Gespräche wechselseitig gestaltet werden, wie nonverbale Signale eingesetzt und aufgegriffen werden, wie flexibel Themenwechsel gelingen oder wie sich die Beziehungsgestaltung im Verlauf des Kontakts entwickelt.

Aktuelle Empfehlungen zur Erwachsenendiagnostik messen einer strukturierten Verhaltensbeobachtung deshalb einen wichtigen Stellenwert bei.

Gleichzeitig darf aus einem unauffälligen persönlichen Kontakt nicht vorschnell geschlossen werden, dass kein Autismus vorliegen kann. Gerade Menschen mit guten kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten können über viele Jahre Strategien entwickelt haben, mit denen sie soziale Erwartungen im Untersuchungsraum sehr gut erfüllen.

Die Beobachtung gewinnt ihren diagnostischen Wert erst in Verbindung mit den anderen Informationen.

Weshalb Differentialdiagnostik mehr ist als ein Zusatz

Bei einer guten Autismus-Diagnostik wird nicht lediglich geprüft, wie viele Merkmale zu Autismus passen. Ebenso wichtig ist die Frage, ob andere Erklärungen das vorhandene Muster besser oder teilweise ebenfalls erklären können.

Konzentrationsprobleme können beispielsweise mit ADHS zusammenhängen, sozialer Rückzug kann bei Angst oder Depression auftreten und Erschöpfung kann viele unterschiedliche Ursachen haben. Auch mehrere Diagnosen können gemeinsam bestehen.

Eine sorgfältige Differentialdiagnostik versucht daher, den gesamten Entwicklungsverlauf zu verstehen und diagnostische Überschneidungen auseinanderzuhalten.

Bei Talentum ist diese Ergebnisoffenheit ausdrücklich Teil des diagnostischen Vorgehens. Das Ziel besteht darin, fachlich zu klären, wodurch bestehende Symptome, Schwierigkeiten und Besonderheiten am besten erklärt werden können. Wenn sich eine Autismusdiagnose nicht bestätigt, werden mögliche andere Erklärungen und weitere diagnostische oder therapeutische Schritte besprochen.

Gerade im Erwachsenenalter ist diese Haltung wichtig, weil viele Menschen bereits mit einer konkreten Vermutung in die Untersuchung kommen und sich intensiv mit Autismus beschäftigt haben. Eine Diagnostik sollte diesen Verdacht ernst nehmen, ohne ihr Ergebnis bereits vorwegzunehmen.

Wie werden die einzelnen Ergebnisse zusammengeführt?

Nach Abschluss der verschiedenen diagnostischen Bestandteile werden die Informationen gemeinsam ausgewertet. Dabei geht es um das Muster, das sich aus Anamnese, Fragebögen, Entwicklungsinformationen, Beobachtung und standardisierten Verfahren ergibt.

Kein einzelner Wert entscheidet dabei automatisch über das Ergebnis.

Ein auffälliger Fragebogen kann bei einer insgesamt nicht passenden Entwicklungsgeschichte an Bedeutung verlieren, während ein vergleichsweise unauffälliges Verhalten während einer Untersuchung bei ausgeprägtem Masking anders eingeordnet werden muss. Auch widersprüchliche Befunde gehören deshalb nicht aus der Auswertung entfernt, sie müssen erklärt werden.

Gerade bei diagnostisch komplexen oder unklaren Fällen kann außerdem eine fachliche Rücksprache oder Zweitmeinung hilfreich sein. Aktuelle Empfehlungen zur Erwachsenendiagnostik sehen einen solchen interkollegialen Austausch insbesondere bei komplexeren Fällen als sinnvoll an.

Eine gute Gesamtauswertung besteht damit nicht aus dem Addieren einzelner Testergebnisse, sondern aus einer klinisch begründeten Einordnung aller verfügbaren Informationen.

Was wird im Befundgespräch besprochen?

Am Ende der Diagnostik steht ein ausführliches Befundgespräch, in dem das Ergebnis verständlich erläutert werden sollte.

Dabei geht es nicht nur um die Mitteilung, ob die diagnostischen Kriterien erfüllt sind. Ebenso wichtig ist die Erklärung, wie die unterschiedlichen Untersuchungsergebnisse zusammenpassen, welche differentialdiagnostischen Erkenntnisse entstanden sind und welche nächsten Schritte sinnvoll erscheinen.

Gerade bei einer Diagnose im Erwachsenenalter kann dieses Gespräch eine große Bedeutung haben, weil viele frühere Erfahrungen aus einer neuen Perspektive verständlicher werden. Gleichzeitig sollten auch offene Fragen und Grenzen der diagnostischen Einschätzung benannt werden.

Wenn sich Autismus nicht bestätigt, braucht das Ergebnis ebenfalls eine nachvollziehbare Erklärung. Eine ergebnisoffene Diagnostik sollte nicht mit dem Satz enden, dass die Kriterien nicht erfüllt seien, sondern möglichst deutlich machen, welche anderen Faktoren das Beschwerdebild erklären könnten und welche weiteren Schritte daraus folgen.

Was steht im schriftlichen Befundbericht?

Nach Abschluss der Diagnostik erhalten Erwachsene bei Talentum einen schriftlichen Befundbericht.

Ein solcher Bericht dokumentiert die diagnostische Einschätzung und fasst die wesentlichen Ergebnisse des Untersuchungsprozesses zusammen. Er kann auch später hilfreich sein, wenn die Diagnose gegenüber weiterbehandelnden Fachpersonen nachvollziehbar gemacht werden muss oder weitere Unterstützung geplant wird.

Welche zusätzlichen Unterlagen Behörden, Arbeitgeber, Hochschulen oder andere Institutionen im jeweiligen Zusammenhang verlangen, hängt allerdings von deren konkreten Anforderungen ab. Ein diagnostischer Befundbericht ersetzt deshalb nicht automatisch jede weitere fachärztliche Bescheinigung, die in einem bestimmten Verfahren verlangt werden kann.

Wie lange dauert eine Autismus-Diagnostik bei Erwachsenen?

Eine fundierte Autismus-Diagnostik besteht aus mehreren Schritten und lässt sich deshalb nicht sinnvoll auf einen einzelnen kurzen Termin reduzieren.

Wie viel Zeit insgesamt benötigt wird, hängt auch davon ab, wie komplex die Fragestellung ist, welche Unterlagen verfügbar sind und ob geeignete Bezugspersonen für die Entwicklungsanamnese einbezogen werden können.

Bei Talentum werden die Termine so organisiert, dass bei weiterer Anreise geeignete Gespräche auch online durchgeführt und persönliche Termine möglichst kompakt geplant werden können. Der persönliche diagnostische Kontakt bleibt dennoch ein wesentlicher Bestandteil, weil die unmittelbare Beobachtung sozialer Kommunikation und Interaktion wichtige zusätzliche Informationen liefert.

Die konkrete Organisation sollte dabei diagnostischer Sorgfalt dienen und nicht umgekehrt. Eine schnelle Durchführung ist nur dann sinnvoll, wenn die notwendigen Informationen trotzdem ausreichend erhoben und ausgewertet werden können.

Was passiert, wenn die Diagnose feststeht?

Mit dem Befund endet häufig eine lange Suche nach einer Erklärung, der praktische Umgang mit dem Ergebnis beginnt jedoch erst danach.

Je nach individuellem Bedarf können Beratung, Psychotherapie, psychiatrische Begleitung oder autismusspezifische Unterstützung sinnvoll werden. Bei gleichzeitig bestehenden Diagnosen wie ADHS können zusätzliche Behandlungsschritte notwendig sein.

Auch wenn keine Autismus-Spektrum-Störung festgestellt wird, kann die Diagnostik wichtige Hinweise liefern. Gerade eine sorgfältige Differentialdiagnostik kann deutlich machen, weshalb bestimmte Schwierigkeiten entstanden sind und welcher weitere Weg hilfreicher sein könnte.

Der Wert einer guten Autismus-Diagnostik im Erwachsenenalter liegt deshalb nicht darin, einen bereits bestehenden Verdacht möglichst schnell zu bestätigen. Sie sollte eine Entwicklung nachvollziehbar einordnen, unterschiedliche Erklärungen gegeneinander abwägen und am Ende zu einem Ergebnis kommen, das fachlich begründet und für die betroffene Person verständlich ist.