Autismus und ADHS gleichzeitig – Doppeldiagnose und Diagnostik

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Autismus und ADHS können gleichzeitig auftreten, auch wenn beide Störungsbilder lange Zeit stärker als diagnostische Alternativen betrachtet wurden. In der Praxis ist diese Kombination besonders relevant, weil sich manche Merkmale ähneln, andere gegenseitig überlagern und eine bereits bekannte Diagnose dazu führen kann, dass zusätzliche Schwierigkeiten über Jahre einer einzigen Ursache zugeschrieben werden.

Eine sorgfältige Diagnostik muss deshalb klären, ob die vorhandenen Auffälligkeiten durch Autismus, durch ADHS oder durch das gemeinsame Vorliegen beider Störungsbilder am besten erklärt werden können. Dabei geht es weniger darum, möglichst viele passende Symptome zu sammeln, als ihren Entwicklungsverlauf, ihre Ausprägung und ihre Bedeutung im Alltag zu verstehen.

Können Autismus und ADHS gleichzeitig auftreten?

Nach heutigem diagnostischem Verständnis können Autismus und ADHS gemeinsam diagnostiziert werden. Das war nicht immer so, denn die ICD-10 schränkte die gleichzeitige Vergabe beider Diagnosen stark ein. Neuere Klassifikationssysteme wie DSM-5 und ICD-11 bilden die klinische Realität besser ab und lassen eine Doppeldiagnose zu. Die aktuelle Fachliteratur beschreibt Übergangs- und Mischbilder ausdrücklich als häufig und hält fest, dass die gemeinsame Diagnose von Autismus und ADHS mit den neueren Klassifikationssystemen vereinbar ist.

Damit hat sich auch der diagnostische Blick verändert. Wenn bei einem Menschen bereits ADHS festgestellt wurde, bedeutet dies nicht automatisch, dass soziale oder kommunikative Besonderheiten, ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Gleichförmigkeit oder andere Auffälligkeiten ebenfalls durch die ADHS erklärt werden können. Umgekehrt können bei einem autistischen Menschen zusätzliche Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulsivität und Selbstorganisation so ausgeprägt sein, dass eine eigenständige ADHS-Diagnose angemessen ist.

In der von uns verwendeten aktuellen Fachliteratur wird ADHS entsprechend als relevante Komorbidität bei Autismus beschrieben. Für die diagnostische Beurteilung werden insbesondere die klinische Untersuchung sowie Eigen- und Fremdanamnese hervorgehoben.

Warum ist eine Doppeldiagnose manchmal schwer zu erkennen?

Die diagnostische Schwierigkeit entsteht vor allem dadurch, dass sich sichtbares Verhalten nicht eindeutig einer bestimmten Ursache zuordnen lässt.

Eine Person mit ADHS kann beispielsweise während eines Gesprächs abschweifen, wichtige Informationen überhören, impulsiv reagieren oder ihrem Gegenüber ins Wort fallen. Auch bei einem autistischen Menschen kann ein Gespräch ungewohnt verlaufen, wobei hier Schwierigkeiten in der sozialen Gegenseitigkeit, beim Erfassen nonverbaler Kommunikation oder beim intuitiven Verständnis sozialer Situationen eine Rolle spielen können.

Ähnliches gilt für Routinen und Strukturen. Ein ausgeprägtes Bedürfnis nach gleichbleibenden Abläufen kann mit Autismus zusammenhängen. Menschen mit ADHS entwickeln teilweise ebenfalls sehr feste Strukturen, weil diese helfen, Schwierigkeiten mit Zeitmanagement, Vergesslichkeit und Organisation auszugleichen. In der Differentialdiagnostik ist deshalb unter anderem relevant, ob ein Bedürfnis nach planbaren Abläufen bereits früh in der Entwicklung bestand oder sich später als Kompensationsstrategie herausgebildet hat.

Gerade bei Erwachsenen können solche Kompensationsmechanismen über viele Jahre so selbstverständlich geworden sein, dass ihre ursprüngliche Funktion kaum noch auffällt. Ein äußerlich gut organisierter Alltag sagt beispielsweise wenig darüber aus, wie viel Anstrengung notwendig ist, um ihn aufrechtzuerhalten.

Wenn eine bereits bekannte Diagnose den Blick verstellt

Eine besondere Herausforderung entsteht, wenn eine der beiden Diagnosen bereits seit Jahren bekannt ist. Dann liegt es nahe, spätere Schwierigkeiten ebenfalls mit dieser Diagnose zu erklären.

Bei einer früh diagnostizierten ADHS können soziale Schwierigkeiten beispielsweise als Folge von Unaufmerksamkeit, Impulsivität oder wiederholten negativen Beziehungserfahrungen verstanden werden. In vielen Fällen ist diese Erklärung plausibel. Wenn darüber hinaus jedoch seit der Kindheit deutliche Besonderheiten der sozialen Kommunikation und Interaktion, ungewöhnlich intensive oder eingeschränkte Interessen, sensorische Auffälligkeiten oder ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Gleichförmigkeit bestehen, kann eine zusätzliche Autismusdiagnostik sinnvoll sein.

Auch die umgekehrte Konstellation kommt vor. Besteht bereits eine Autismusdiagnose, können ausgeprägte Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, Ablenkbarkeit, Schwierigkeiten mit Handlungsplanung oder impulsives Verhalten vorschnell in das vorhandene Erklärungsmodell eingeordnet werden.

Eine fundierte Differentialdiagnostik prüft deshalb, ob eine bestehende Diagnose das gesamte Muster ausreichend erklärt oder ob ein zweites Störungsbild einen zusätzlichen und eigenständigen Erklärungswert besitzt.

Warum die Entwicklungsgeschichte eine so große Rolle spielt

Autismus und ADHS gehören zu den neuronalen Entwicklungsstörungen, weshalb die aktuelle Situation allein für eine diagnostische Einordnung nicht ausreicht. Entscheidend ist auch, wie sich die betreffenden Merkmale im Laufe des Lebens entwickelt haben.

Bei Autismus muss nachvollzogen werden, ob entsprechende Besonderheiten bereits in der frühen Entwicklung vorhanden waren. Gerade im Erwachsenenalter kann diese Rekonstruktion schwierig werden, wenn Eltern nicht mehr befragt werden können, Erinnerungen weit zurückliegen oder alte Schulzeugnisse wenig aussagekräftig sind. Auch die Wahrnehmung innerhalb einer Familie kann eine Rolle spielen, etwa wenn bestimmte Verhaltensweisen dort als vollkommen selbstverständlich erlebt wurden. Diese Schwierigkeiten der retrospektiven Diagnostik werden auch in der aktuellen Fachliteratur ausdrücklich beschrieben.

Für die ADHS-Diagnostik ist der Entwicklungsverlauf ebenfalls wesentlich. Konzentrationsprobleme, innere Unruhe oder Schwierigkeiten mit Organisation, die erstmals im Rahmen einer Depression, chronischer Überlastung oder einer anderen psychischen Erkrankung auftreten, müssen anders eingeordnet werden als ein über viele Jahre bestehendes Muster.

Aus diesem Grund können Gespräche mit Eltern oder anderen langjährigen Bezugspersonen, frühere Befunde, Schulzeugnisse und Entwicklungsberichte wichtige zusätzliche Informationen liefern. Entscheidend ist das Gesamtbild, das sich über verschiedene Lebensphasen und Lebensbereiche hinweg ergibt.

Wie wird untersucht, ob Autismus und ADHS gemeinsam vorliegen?

Bei einer kombinierten Fragestellung sollte die Diagnostik beide Bereiche ausreichend erfassen und gleichzeitig offen für weitere Erklärungen bleiben.

Am Anfang steht eine ausführliche Anamnese, in der aktuelle Schwierigkeiten, frühere Entwicklung und wichtige Lebensbereiche betrachtet werden. Dazu gehören beispielsweise Familie und Freundschaften, Schule, Ausbildung oder Studium, Beruf, Alltagsorganisation und bisherige psychische Belastungen.

Im Rahmen der Autismusdiagnostik werden die Entwicklung sozialer Kommunikation und Interaktion ebenso betrachtet wie repetitive Verhaltensweisen, Interessen, Routinen und sensorische Besonderheiten. Standardisierte diagnostische Verfahren können diese Einschätzung ergänzen. Der ADOS-2 ermöglicht beispielsweise eine strukturierte Beobachtung von Kommunikation, sozialer Interaktion und weiteren autismusrelevanten Merkmalen, während mit dem ADI-R die Entwicklungsgeschichte anhand eines strukturierten Interviews mit Eltern oder anderen geeigneten Bezugspersonen erhoben werden kann. In den diagnostischen Abläufen von Talentum werden diese Informationen anschließend zusammengeführt und differentialdiagnostisch ausgewertet.

Besteht zusätzlich der Verdacht auf ADHS, muss geprüft werden, ob ein eigenständiges und über die Entwicklung nachvollziehbares Muster von Unaufmerksamkeit und gegebenenfalls Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität besteht. Dabei ist auch von Bedeutung, in welchen Lebensbereichen die Schwierigkeiten auftreten und welche Beeinträchtigungen daraus entstehen.

Die Diagnose ergibt sich damit aus der Zusammenschau verschiedener Informationen. Einzelne Beobachtungen oder Testwerte werden im Zusammenhang mit Anamnese, Entwicklungsverlauf und möglichen anderen Erklärungen beurteilt.

Weshalb reichen Fragebögen für eine Doppeldiagnose nicht aus?

Standardisierte Fragebögen sind ein sinnvoller Bestandteil vieler diagnostischer Prozesse, ihre Ergebnisse müssen jedoch eingeordnet werden.

Wenn jemand beispielsweise angibt, Gesprächen häufig nur schwer folgen zu können, lässt sich daraus zunächst nicht ableiten, weshalb diese Schwierigkeit besteht. Aufmerksamkeitssteuerung, soziale Informationsverarbeitung, Reizüberlastung, Ängste, depressive Symptome, Erschöpfung und weitere Faktoren können sich auf ähnliche Weise bemerkbar machen.

Dasselbe Problem entsteht, wenn Fragebögen zu Autismus und ADHS gleichzeitig erhöhte Werte zeigen. Daraus folgt noch nicht, dass beide Diagnosen vorliegen. Die Überschneidungen müssen im weiteren diagnostischen Prozess geklärt werden.

Je komplexer die Fragestellung ist, desto wichtiger wird daher die klinische Einordnung. Die Fachliteratur zur gemeinsamen Diagnose von Autismus und ADHS hebt die Bedeutung von klinischer Untersuchung, Eigenanamnese und Fremdanamnese entsprechend hervor.

Welche Rolle spielt die Differentialdiagnostik?

Eine kombinierte Autismus- und ADHS-Diagnostik beschäftigt sich nicht ausschließlich mit diesen beiden möglichen Diagnosen. Auch andere Erklärungen müssen berücksichtigt werden, wenn sie zum vorliegenden Beschwerdebild passen.

Soziale Rückzugstendenzen, Konzentrationsprobleme, Erschöpfung oder Schwierigkeiten im Kontakt mit anderen Menschen können beispielsweise auch im Zusammenhang mit Angststörungen, Depressionen oder anderen psychischen Belastungen auftreten. Bei Erwachsenen kann die diagnostische Abgrenzung besonders anspruchsvoll sein, weil andere Erkrankungen ähnliche Symptome hervorrufen können. Darauf weisen auch Patienteninformationen zur Autismusdiagnostik ausdrücklich hin.

Hinzu kommt, dass mehrere Störungsbilder gleichzeitig bestehen können. Eine Differentialdiagnostik sucht deshalb nicht zwangsläufig nach einer einzigen Diagnose, die alle anderen ausschließt. Sie prüft, welche Erklärung oder welche Kombination von Erklärungen das individuelle Gesamtbild am besten abbildet.

Genau diese Ergebnisoffenheit ist ein wesentlicher Bestandteil des diagnostischen Vorgehens bei Talentum. Bereits in der Anamnese werden neben Autismus mögliche andere Erklärungen für bestehende Schwierigkeiten und Auffälligkeiten berücksichtigt.

Was bedeutet eine Doppeldiagnose für die weitere Behandlung?

Eine genaue diagnostische Einordnung ist auch deshalb wichtig, weil sich daraus unterschiedliche Schwerpunkte für Beratung und Behandlung ergeben können.

Wenn Autismus und ADHS gemeinsam vorliegen, können beispielsweise Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation und Interaktion ebenso relevant sein wie Probleme mit Zeitmanagement, Ablenkbarkeit, Impulsivität oder Alltagsorganisation. In der Fachliteratur werden für Menschen mit Autismus und zusätzlicher ADHS entsprechend sowohl autismusspezifische Themen als auch ADHS-bezogene Ansätze zu Zeit- und Stressmanagement sowie zum Umgang mit Impulsivität und Ablenkbarkeit beschrieben.

Auch eine behandlungsbedürftige ADHS bleibt bei gleichzeitig bestehendem Autismus grundsätzlich behandlungsbedürftig. Die gemeinsame Diagnose kann deshalb helfen, Unterstützungsangebote genauer auf die tatsächlichen Schwierigkeiten einer Person abzustimmen.

Gleichzeitig sollte aus dem Vorliegen einzelner Merkmale keine zusätzliche Diagnose konstruiert werden. Eine Doppeldiagnose ist dann sinnvoll, wenn beide Störungsbilder fachlich begründet festgestellt werden können und beide einen relevanten Beitrag zum Verständnis der bestehenden Schwierigkeiten leisten.

Wenn sich nur eine der vermuteten Diagnosen bestätigt

Wer mit dem Verdacht auf Autismus und ADHS in eine Diagnostik kommt, muss am Ende nicht zwangsläufig zwei Diagnosen erhalten. Es kann sich zeigen, dass eine der beiden Diagnosen das vorhandene Muster besser erklärt oder dass weitere Faktoren eine wesentliche Rolle spielen.

Auch ein solches Ergebnis kann diagnostisch wertvoll sein, weil es die Suche nach einer Erklärung eingrenzt und Hinweise darauf gibt, welche Unterstützung tatsächlich sinnvoll ist.

Bei Talentum ist die diagnostische Untersuchung deshalb grundsätzlich ergebnisoffen angelegt. Eine Autismusdiagnose kann vor Beginn der Diagnostik nicht zugesichert werden. Wenn sich der Verdacht nicht bestätigt, werden mögliche andere Erklärungen für die bestehenden Schwierigkeiten und Empfehlungen für die nächsten Schritte besprochen.

Gerade bei der Kombination von Autismus und ADHS zeigt sich, weshalb diese Offenheit wichtig ist. Ähnliche Symptome können unterschiedliche Ursachen haben, beide Störungsbilder können gleichzeitig bestehen und eine bereits bekannte Diagnose kann weitere Auffälligkeiten überdecken. Eine fundierte Diagnostik versucht deshalb, die Entwicklung und das aktuelle Erleben in ihrem Zusammenhang zu verstehen und daraus eine fachlich begründete Gesamteinschätzung abzuleiten.